Die Schenkökonomie und wie wir mit Geld umgehen wollen ...

 

Was soll es kosten?

 

Ich möchte meine Leistungen verschenken, damit sie jeder Mensch in Anspruch nehmen kann, der oder die es möchte. Ich möchte mein Angebot an den Bedürfnissen orientieren - unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten. Weil dieses Vorgehen so ungewöhnlich ist und die meisten Menschen immer wieder erfahren, dass"irgendwo ein Haken" ist, wird auch hier der Verdacht aufkommen können. Ich vertraue darauf, dass sich diese Bedenken durch die authentische Verbindung, die in der Regel in meiner Arbeit entsteht, sowie durch meinen Umgang mit dem Thema, auflösen werden.

 

Da in unserer Gesellschaft jeder Mensch, der kein Vermögen hat, Geld braucht, um sich die Dinge zum Leben kaufen zu können, bin natürlich auch ich und die Menschen, die mich unterstützen, gleichzeitig auf finanzielle Unterstützung angewiesen, um die Arbeit nachhaltig machen zu können. Deshalb vertraue ich auf Spenden.

 

Konkret bedeutet das: Zu einem Zeitpunkt, an dem die Teilnehmer/innen beurteilen können, ob die Arbeit Menschen unterstützt, möchte ich sie dazu einladen, für sich zwei Fragen zu überprüfen und wenn sie mich unterstützen möchten, den geringeren Betrag von beidem zu geben:

  1) Wieviel möchte ich gerne geben, damit diese Arbeit weiter angeboten werden kann?

  2) Wieviel bin ich in der Lage zu geben?

 

Wie gesagt, dieses Vorgehen ist sehr ungewöhnlich. Deshalb werden sicherlich auch andere Missverständnisse auftauchen. Auch werden sich manche Menschen vielleicht nicht damit wohlfühlen, etwas geschenkt zu bekommen. Die Missverständnisse hoffe ich spätestens im persönlichen Gespräch ausräumen zu können und wenn Menschen sich mit dem Vorgehen nicht nicht wohlfühlen, können sie auch die Selbsteinschätzungsskala nutzen.

 

 

Die eingehenden Spenden werden im Team nicht nach den üblichen Kriterien, sondern nach den jeweiligen Bedürfnissen der Unterstützer der Arbeit, verteilt. Dabei versuchen wir uns nicht von unseren Ängste und Sorgen leiten zu lassen, sondern uns gegenseitig dabei zu unterstützen, die Bedürfnisse hinter diesen Ängsten und Sorgen zu verstehen. Ich hab großes Vertrauen darin, dass wir die Ressourcen haben, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, im Vertrauen zu ruhen und mit Tatkraft und Lebensfreude diese Arbeit in die Welt zu bringen.

 

Marktwirtschaft oder
bedürfnisorientiert Wirtschaft?

 

Ich möchte vorausschicken, dass ich keine fertige Lösung habe. Ich sehe wie unser kapitalistisches (Welt-)Wirtschaftssystem den meisten Menschen Ressourcen vorenthält und sie dadurch leiden läßt - und viele verhungern sogar, obwohl genug Nahrungsmittel produziert werden. Es wird im Grunde eine Knappheit aufrechterhalten, die es gar nicht gibt, weil die Güter ausschließlich dorthin fließen, wo sie bezahlt werden können. Und natürlich reagieren immer wieder Menschen, auf das Vorenthalten zum Leben wichtiger Güter und Dienstleistungen mit Gewalt (von Kriminalität bis zum Terrorismus)...

 

Wenn man Gewalt als die Missachtung von Interessen und Bedürfnissen begreift, sieht man, dass das  Vorenthalten von Ressourcen eine Form von Gewalt ist. Diese Form von Gewalt ist wohl die wichtigste Ursache für neue Gewalt, weil sie zu so viel Leiden beiträgt - und jeder Menschen tut sich schwer, die Interessen und Bedürfnisse anderer zu achten, wenn er leidet und übt deshalb als Reaktion oder "zufällig" Gewalt gegen andere Menschen aus. Die neue Gewalt bewirkt neues Leiden und neue Gewalt - und so hält sich der Kreislauf der Gewalt am Laufen. Für mich ist es immer wieder schmerzhaft, diese Zusammenhänge zu sehen...

 

Durch das vorherrschende kapitalistische (Welt-)Wirtschaftssystem wird Knappheit produziert oder zumindest aufrechterhalten und verbreitet (der Preis einer Ware hängt ja davon ab). Da Jeder unter dem Zwang steht, selbst für lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen zu bezahlen, wird in unserer Gesellschaft Zwang als ganz normal erlebt und sogar als unvermeidbar angesehen. Wenn man es genau betrachtet, ist Zwang zwar leider ein Grundprinzip in praktisch allen Gesellschaftsystemen der heutigen Welt - die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist allerdings leider ein äußerst wirkungsvoller "Missionar" dieses Zwangsprinzips und hat inzwischen sogar Gesellschaften "missioniert", die bis vor wenigen Jahrzehnten das Zwangsprinzip noch nicht verankert hatten ...

 

Ich wünsche mir eine Art, wie wir miteinander und mit den Ressoucen unserer Welt umgehen, die Leiden und Mangel vermeidet. Dafür möchte ich arbeiten - und deshalb möchte ich die Weitergabe des Zwangsprinzips vermeiden und meine Arbeit auf eine andere Art anbieten als über Preisforderungen: ich möchte sie als Geschenk anbieten. Dadurch wird meine Arbeit auch eher dort wirken können, wo sie die Menschen unterstützt. Ich experimentiere damit und hoffe, dass ich dabei selbst genug finanzielle Unterstützung finde, um das nachhaltig machen zu können...

 

Hier meine derzeitigen Gedanken zu einem lebensdienlicheren Wirtschaftssystem:

Unser Wirtschaftssystem hat die Aufgabe, Güter zuzuteilen. Diese Zuteilung orientiert sich leider nicht an den Bedürfnissen. Das bedeutet, die Güter kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden, sondern dort, wo das Geld dafür da ist. Das ist nach Ansicht vieler Menschen die Hauptursache für Hunger und Leid, und für Gewalt und Krieg auf der Welt - sowohl innergesellschaftlich, wie auch international.

 

Viele Menschen suchen deshalb nach Möglichkeiten für ein Wirtschaftssystem, das die Güter und Dienstleistungen nach dem tatsächlichen Bedarf zuweist - unabhängig davon wieviel finanzielle Ressourcen jeweils vorhanden sind. Die sogenannte "Schenkökonomie" ist in dieser Hinsicht interessant.

 

Leider wurden und werden die Untersuchungen dazu immer wieder im Hinblick auf "Tausch", d.h. "geben und dafür bekommen" intepretiert (siehe z.B. den Wikipedia-Artikel dazu). Das ist verständlich, weil heutzutage praktisch alle Menschen in einer kapitalistischen Welt leben, in der ein Geben ohne Erwartungen selbst innerhalb der Familie kaum vorstellbar erscheint. Wir sind das Konzept "keine Leistung ohne Gegenleistung" so gewohnt, dass sich selbst in die Sorge für das Kind oft Erwartungen auf eine "Gegenleistung" einschleichen. Wenigstens "gut benehmen" sollte sich das Kind.

 

Das passiert obwohl das Fürsorgeprinzip, um das es vor allem in der Schenkökonomie geht, auf dem Fürsorgeprinzip der "idealen Eltern" basiert. "Ideal" in der Hinsicht, dass die Bedürfnisse des Kindes jederzeit geachtet werden - selbst wenn sie oft nicht (sofort) erfüllt werden können. Mit Bedürfnissen sind hier nicht die Wünsche gemeint, sondern das, was durch die Wünsche genährt werden will. Das Bedürfniskonzept der Gewaltfreien Kommunikation ist sehr hilfreich, um den entscheidenden Unterschied zu klären: Bedürfnisse sind das was jeder Mensch kennt.

 

Einige Beispiele:
- Zigaretten sind demnach kein Bedürfnis, aber z.B. innere Ruhe oder Zuwendung, die das Rauchen möglicherweise nährt (leider mit sehr viel Nebenwirkungen und deshalb nicht sehr wirkungsvoll).

- Macht ist demnach auch kein Bedürfnis, allerdings kann hinter dem Drang nach Macht z.B. das Bedürfnis nach Rücksichtnahme stecken. Meist ist bei "Machtmenschen" das Vertrauen, dass andere Menschen Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse nehmen, in der Kindheit zutiefst erschüttert worden. Das Streben nach Macht kann als Versuch gedeutet werden, dieses Vertrauen zurückzugewinnen (was natürlich nicht wirklich funktioniert).

- Alle Konsumgüter sind Möglichkeiten, Bedürfnisse zu nähren - aber sie sind in der Regel nur ein schlechter Ersatz dessen, worum es wirklich geht. So wird z.B. oft versucht, mit einem neuen Auto oder teuren Kleidern die Sehnsucht nach Wertschätzung und Anerkennung - und letztlich nach Zugehörigkeit - zu nähren...

 

Ich möchte helfen die Schenkökonomie umzusetzen, weil sie verspricht, die Bedürfnisorientierung und damit das Fürsorgeprinzip in den Mittelpunkt zu stellen. Das scheint mir ein vielversprechender Ausweg aus der Missachtung der Bedürfnisse zu sein. Diese Missachtung geschieht praktisch automatisch durch die Prinzipien von Dominanz und Zwang, die in jedem Land der Erde mehr oder weniger verbrogen vorherrschen. Durch das kapitalistische Wirtschaftssystem, das inzwischen praktisch jedes Land beherrscht, werden diese Prinzipien verstärkt (praktisch jeder Mensch ist zumindest gezwungen, seinen Lebensunterhalt zu "verdienen", wenn er nicht leiden und oft sogar verhungern möchte). Die Logik der Marktwirtschaft setzt den Menschen, der seinen Eigennutz maximiert, als "rational" und damit als normativ erwünscht voraus (das ist übrigens das unwissenschaftliche an der wissenschaftlichen Wirtschaftslehre). Dadurch erscheint Dominanz und Zwang als "alternativlos". Das ist wohl die folgenschwerste Illusion, in der wir leben...

 

Der erste Schritt sich aus dieser illusion zu befreien ist, die Zusammenhänge zu sehen. Mir hat hier Peter Ulrich mit seiner "Integrativen Wirtschaftsethik" geholfen. Bei der Suche nach Alternativen und die Umsetzung der Schenkökonomie in meiner Arbeit, ohne zu "verhungern, ist für mich seit langem Miki Kashtan eine wertvolle Inspiration. Hier sind einige Gedanken von ihr zu einer anderen Art der "Zuteilung" von Gütern und Dienstleistungen (leider nur auf Englisch): http://thefearlessheart.org/matching-resources-to-needs-learning-to-receive-through-participating-in-money-piles/

(wer den Artikel übersetzen möchte, bitte melden :-)